Offener Brief an den Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein und
die Bürgermeisterin Tamara Thierbach

Rien ne va plus? 

 

Kultur kostet Geld – mehr Kultur kostet mehr Geld. Und Erfurt braucht mehr Kultur.

Vor einem Jahr gründete sich in Erfurt der Klub 500. Gründe waren eine mangelnde Unterstützung für zeitgenössische Kunst und Kultur in Erfurt und die Zurückhaltung städtischer  finanzieller Unterstützung für das Kunsthaus.
Seitdem ist vieles in Bewegung gekommen: Die Unterstützung des Kunsthauses wurde wieder aufgenommen, es wird ein Kulturkonzept diskutiert und erstellt, leerstehende Gebäude, wie das alte Innenministerium oder Läden in der Johannesstraße, werden mit temporären Ausstellungen, Konzerten und Theateraufführungen zum Leben erweckt. Es gibt Gespräche zwischen Vertretern der Stadt und der freien Szene über gemeinsame Schritte zur Optimierung der Erfurter Kulturszene. In Erfurt ist ein junger, frischer Wind spürbar.

All dies ist gefährdet bevor es Früchte trägt. Die Stadtverwaltung Erfurt kündigte an, dass wegen der angespannten Haushaltslage Kultureinrichtungen der Stadt im ersten Halbjahr 2010 nicht mit der Auszahlung der in Aussicht gestellten Fördermittel rechnen können.
Das würde das Aus für die Mehrzahl der ohnehin unterfinanzierten Einrichtungen bedeuten. Ein neues Kulturkonzept nützt nichts, wenn es für dieses keine Orte der Umsetzung mehr gibt. Es darf nicht sein, dass jedes Jahr wieder eine prekäre Situation für Kultureinrichtungen entsteht. Dadurch ist eine notwendig langfristige Planung unmöglich. Es muss eine Lösung für langjährige Vereinbarungen gefunden werden, um das jährliche Procedere zu vermeiden.
Die schwierige Haushaltslage erfordert Sparmaßnahmen, aber nicht an der falschen Stelle.

 

Vorschläge:

  • Neue Ausgaben stehen durch die tarifliche Angleichung der Beamtenbezüge der Stadtverwaltung an das Westniveau ins Haus. Prinzipiell ist jede Einhaltung tariflicher Einigungen zu unterstützen. Allerdings für Alle. Es ist ein Hohn, dass wegen dieser Angleichungen Kultureinrichtungen leiden sollen, deren Mitarbeiter ohnehin schon weit unterbezahlt sind und jährlich hunderte unbezahlte Überstunden leisten. Das Beispiel Chemnitz kann weiterhelfen: dort haben die Beamten der Stadtverwaltung freiwillig beschlossen die 30 Stunden-Woche einzuführen, um Kürzungen bei Projekten zu vermeiden,
  • Kaisersaal: Jährlich entstehen der Stadt über eine Millionen Euro Verluste durch die Unterhaltungskosten für den Kaisersaal während die private Kaisersaal Gastronomie und Veranstaltungsgesellschaft mbH Gewinne einfährt. Die Stadt muss die vor langer Zeit geschlossenen Verträge beenden und aus dem Kaisersaal aussteigen. Dieses eingesparte Geld würde ausreichen, um zum Beispiel dem Kinoklub für die nächsten 15 Jahre ein sorgenfreies Arbeiten zu ermöglichen.

 

  • Sammlungskonzept: Die Stadt Erfurt hat in ihren Museen Sammlungen gelagert, deren Relevanz zu überprüfen ist. Hier könnten Teile meistbietend verkauft werden. Es ist wichtiger zeitgenössische Kunst zu fördern, als Reservatenkammern zu unterhalten.
  • Die Stadt Erfurt hat angekündigt einen Stadionneubau für Rot-Weiß Erfurt mit mehreren Millionen Euro zu unterstützen. Das sollte bei der angespannten Haushaltlage überdacht werden. Es gibt andere Modelle. In Berlin haben die Fans des Traditionsvereins Union Berlin in tausenden von Stunden unbezahlte Bauarbeiten für den dortigen Neubau geleistet. Oder Beispiel Hoffenheim: dort finanzierte ein Privatunternehmer einen Stadionneubau für den Erstligisten.
  • Domstufenfest: Die Stadt Erfurt sollte im nächsten Jahr die finanzielle Unterstützung für das  Domstufenfest streichen. Stattdessen sollten internationale Straßentheater-gruppen, Opernsänger und Gaukler - ohne Belastung der Stadtkasse - eingeladen werden, ein buntes, vielfältiges Programm zu realisieren.
  • Oper: Es ist schwer vermittelbar, dass die Stadt Erfurt jährlich mit Millionen von Euro die Oper finanziert, für Kulturprojekte aber, die nur einen Bruchteil dessen bekommen, kein Geld mehr da ist. Sicher, die Verträge mit der Oper wurden zu Zeiten Manfred Ruges geschlossen. Dennoch, die Streichung von 50.000 Euro bedeutet für kleine Kulturträger das Aus, für die Oper eine verkraftbare Einsparung.
  • Und dann sind da noch die Finanzierungen der Jahresthemen. Der Sinn oder Unsinn bestimmter Jahresthemen sei an dieser Stelle dahingestellt. In einer angespannten Haushaltslage muss die Stadt den Mut haben zu sagen: 2010 fällt das Jahresthema aus. Stattdessen wird „Krise, Armut und Kultur“ mit freiwilligen Beiträgen, Ausstellungen und Aktionen thematisiert.

 

In der Erfurter Fachhochschule gibt es eine schöne Tradition. Die neuankommenden Studenten für Architektur sollen aus den Fenstern der oberen Stockwerke der Hochschule oder über die Gera  Hühnereier werfen. Diese sollen landen, ohne zu zerbrechen.
Das Ziel: den Kopf frei machen und das Unmögliche denken.

 

Prof. Dagmar Demming, Universität Erfurt
Prof. Joachim Deckert, Architekt, Fachhochschule Erfurt
Monique Förster, Leiterin Kunsthaus Erfurt
Alexander Platz, Redakteur hEFt
Thomas Putz, Redakteur hEFt
Dirk Teschner, Journalist, Kurator, Klub 500

 


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